"Eine ganz ungewöhnlich schöne Erfahrung" - Interview mit Botschafter Claus Robert Krumrei in der Zeitung "Der Nordschleswiger" vom 17.06.2017

Ambassadør Claus Robert Krumrei forstør billede Ambassadør Claus Robert Krumrei (© Den Tyske Ambassade)

Hat sich Ihr persönliches Dänemark-Bild in den drei Jahren geändert?

Ja, selbstverständlich ist dieses Bild ganz erheblich farbiger, tiefer und ausführlicher geworden. Ich habe als Botschafter viel Zeit mit Reisen durch das Königreich verbracht. Ich konnte durch meine Begegnungen und Gespräche mit vielen Menschen feststellen: Dänemark ist ein zu Recht von seinen Bürgern und von der Außenwelt sehr geschätztes und beliebtes Land. Dabei gibt es natürlich auch in Dänemark Konflikte und Probleme. Ich fand es immer sehr spannend zu beobachten, wie pragmatisch und reif politische Auseinandersetzungen geführt werden.

Der dänische Weg der Konsenssuche bietet sicherlich für viele andere ein interessantes Vorbild.

 

Woran denken Sie konkret?

Die wichtigste Frage der vergangenen zwei Jahre ist die Erfahrung der vielen Flüchtlinge, die nach Europa und auch nach Dänemark gekommen sind. Sind sie einmal vom dänischen System aufgenommen worden, machen sie dort sehr gute Erfahrungen. Hier wird in vielen Kommunen eine hervorragende und intensive Ausbildung angeboten und in das Land eingeführt – obwohl das Land politisch und mental in der Flüchtlingsfrage geteilt war und ist.

In Dänemark haben wir auf der einen Seite harte politische Diskussionen sowie Proteste erlebt und auf der anderen Seite sehen wir, dass der Umgang mit diesen Menschen von Verantwortungsbewusstsein und Menschlichkeit geprägt ist. Es gibt viele heute nach Dänemark erst kürzlich eingewanderte Busfahrer oder Fahrradhändler sowie andere Menschen, die im täglichen Leben ihre Rolle spielen und hervorragend in dieses Land integriert worden sind. Das verdanken diese Menschen zuvorderst den öffentlichen Integrationsangeboten. Aber auch ganz normale Bürger haben ein Vorbild an Menschlichkeit gezeigt. Entscheidend ist, Sorgen und Ängste ernst zu nehmen und zugleich einen positiven Umgang mit den Menschen zu zeigen. So beweist eine Gesellschaft Glaubwürdigkeit.

 

Hat sich Dänemark in der kurzen Zeitspanne, in der Sie im Land waren, auch ein wenig verändert?

Ja. Aus meiner persönlichen Sicht war Dänemark vor drei Jahren sehr wohl bereit, sich enger mit den Nachbarn im europäischen Rahmen zu verbinden – so wie es wirtschaftlich schon lange zum großen Vorteil des Landes geschieht. Durch die Flüchtlingsfrage war Dänemark dann leider politisch vorsichtiger geworden; das ist verständlich, man sollte aber bedenken, wie sehr wir alle einander auch in Zukunft in Europa brauchen. Außerdem hat Dänemark in der Rückschau zu einem unglücklichen Zeitpunkt das Referendum 2015 gehabt. Die momentane Stimmung in Bezug auf die Flüchtlings- und Einwanderungsfragen wirkte sich da generell auf die Möglichkeiten zusätzlicher Kooperationen im europäischen Rahmen aus.

Ich bin aber sicher, dass sich der Pragmatismus und der kühle Kopf, den die Dänen haben und weise einsetzen, immer wieder durchsetzen wird. Auf die Brexit-Entscheidung haben Dänemark und seine Bevölkerung dann wieder höchst nüchtern und vernünftig reagiert. Es gab keine Überreaktionen, sondern die Dinge wurden in ein pragmatisches Verhältnis gerückt: Was ist für uns wichtig?  Was brauchen wir jetzt?

Hier wurde wieder sichtbar, wie stark der Sinn der Dänen für Lösungen mit Augenmaß ist. Die freie Debatte in Dänemark erzeugt auch sehr starke Emotionen, aber sie verlässt nicht den Boden der Vernunft.

 

 

Was hat Sie an Dänemark am meisten begeistert?

Ganz schlicht im Sommer durch das Land zu fahren, die Schönheit Dänemarks und den Dreiklang aus Licht, Luft und Meer zu erleben. Das ist vielleicht keine sehr originelle Aussage, aber das war eine enorme Bereicherung. Begeistert hat mich auch sehr die selbstverständliche Freundlichkeit der Menschen, die Leichtigkeit, sich hier mit anderen auszutauschen und in Kontakt zu treten. Dänemark stelle ich ganz klar auf die Haben-Seite meiner Karriere.

 

Haben Sie für sich auch einen Lieblingsort in Dänemark entdeckt?

Es gibt viele davon: zum Beispiel schätze ich es sehr, gute, schön gelegene Restaurants am Wasser zu besuchen. Begeistert war ich auch zum Beispiel von der Sonderburger Gegend, dem Strand bei Sjællands Odde, den Hügeln von Jylland und Fyn. Wenn ich an Kopenhagen denke, dann werde ich es ganz sicher vermissen, auf dem Fahrrad nach Bellevue zu fahren und in diesem herrlichen eiskalten Wasser zu schwimmen. Diese Verbindung zwischen Land und Meer ist sicherlich etwas, das die Dänen vermissen, wenn sie im Ausland sind. Und auch meine Frau und ich werden dies ganz sicher vermissen.

 

Hat Sie Dänemark in irgendeiner Weise überrascht oder verwundert?

Ich war und bin immer noch zuweilen überrascht, dass einige Dänen einen stark nach innen gerichteten Blick haben - auf sich, auf ihre unmittelbare Umgebung und auf ihr Land. Das erlebe ich in Kontinentaleuropa meist anders. Es passt nicht ganz zu den internationalen

dänischen wirtschaftlichen Aktivitäten oder zur politischen Aktivität in der EU, Nato und zur großartigen weltweiten dänischen Präsenz. Dabei sind viele Dänen in diesen Bereichen sehr aktiv und sehr international.

 

...Dänemark sozusagen als Villenviertel in Europa, durch Ligusterhecken getrennt?

Es ist nachvollziehbar, dass man als Bewohner eines hübschen Orts gern zuhause bleibt. Aber wenn man an die starken pragmatischen Fähigkeiten der Dänen, an die Leistungsfähigkeit der dänischen Firmen auf Weltniveau und - an erster Stelle - die für Dänemark entscheidende wirtschaftliche Verflechtung mit dem europäischen und nordischen Umfeld denkt, sollte man sein Umfeld kennen. Dazu gehören auch andere Sprachen als Englisch. Deutsch ist eine eng verwandte Sprache und wird von fast 100 Millionen Menschen gesprochen. St. Petri in Kopenhagen ist auch darum eine besonders wichtige Schule für Kopenhagen und verdient jede Unterstützung.

 

Was waren die Höhepunkte in den drei Jahren in Kopenhagen?

Ich denke, wenn Sie einem Botschafter eine solche Frage stellen, ist er etwas hilflos. Es gibt einfach sehr viele davon. Das mag sich wie eine billige Ausrede anhören, aber jede Woche ist voller erinnerungswürdiger Ereignisse. Natürlich kann man an erster Stelle Begegnungen mit der Königin und dem Königshaus sowie mit der Regierung setzen, aber es gibt weit mehr und dazu würde ich lange intensive Gespräche mit dänischen Freunden zählen, seien es Politiker, Journalisten, Vertreter aus der Wirtschaft oder einfache Bürger. Wir sind Nachbarn und wir gehören von Natur, Geografie und der Geschichte aus sehr eng zusammen. Wir sind daran interessiert zu erfahren, wie der andere denkt und oft sind wir uns da sehr ähnlich. Das habe ich in den vielen Gesprächen hier gespürt und solche Erlebnisse der Gemeinsamkeit werden in Erinnerung bleiben.

 

Sie waren mehrmals zu Besuch bei der deutschen Minderheit in Nordschleswig …

Ich kann nur meiner Bewunderung für die Minderheit Ausdruck geben. Ich sehe sie als große menschliche und kulturelle Bereicherung. Das gilt für die Vertreter der Minderheit,  für die Leistungen zum Beispiel der Zeitung Der Nordschleswiger und für die vielen Ehrenamtlichen, die an verschiedener Stelle tätig sind. Deutschland hat dem durch die Verleihung von Orden an diese Persönlichkeiten Ausdruck gegeben.

Die Minderheit ist aus meiner Sicht für das deutsch-dänische Verhältnis nicht nur eine unverzichtbare Brücke. Sie ist auch auf menschlicher Ebene eine beeindruckende Erscheinung. Ich kann vor dem Hintergrund meiner beruflichen Erfahrung sagen, dass es der deutschen Minderheit gelingt, in allen ihren Teilen gemeinsam in eine positive Richtung zu wirken – unterstützt von den dänischen und deutschen Regierungen und eingebettet in einem europäischen Rahmen. Man kann nicht überschätzen, wie wichtig das war und ist nach einer schwierigen Phase der Geschichte.

 

Was nehmen Sie nach drei Jahren in Dänemark mit?

Für mich waren die drei Jahre eine große Bereicherung. Dazu gehören viele Erfahrungen in unserer eigenen Arbeit. Wir haben als Botschaft eine ganze Reihe von Veranstaltungen und Begegnungen zustande gebracht: wir haben zum Beispiel hervorragende Orchester und kluge Köpfe aus Deutschland eingeladen. Auch hochrangige Politikerbesuche, darunter die Bundeskanzlerin 2015, haben hier große Wirkung erzielt. Die dänische Königin hat sich dem Thema Reformation zugewandt, was in Deutschland als sehr große freundliche Geste begrüßt wird. Dänemark gehört nun zum Kreis der Länder, in die wir immer sehr gerne zurückkehren werden - zu den Menschen genau wie an die Orte. Ich werde mich dankbar an zahllose Gelegenheiten erinnern, bei denen mir Gutes getan und gesagt worden ist. Ich bewundere den heutigen dänischen Sinn für Stil und Ästhetik, habe dänische Lieder, etwa von Carl Nielsen im Ohr und den Geschmack von Sild auf der Zunge. Viele Partner in der Regierung, gute Freunde aus Dänemark und im Kreis der Diplomaten bleiben in bester Erinnerung. Es war für meine Frau mich persönlich eine ganz ungewöhnlich schöne Erfahrung hier Deutschland vertreten zu dürfen.

"Eine ganz ungewöhnlich schöne Erfahrung"

"Eine ganz ungewöhnlich schöne Erfahrung" - Interview mit Botschafter Claus Robert Krumrei in der Zeitung "Der Nordschleswiger" vom 17.06.2017